Rüdiger Rosenthal

Was waren Ihre Träume und Hoffnungen in den achtziger Jahren? Wie sahen Sie die Gesellschaft der DDR zu dieser Zeit?

Die DDR-Gesellschaft war Anfang der 80er Jahre von einem großen gesellschaftlichen Reformstau und politischer Stagnation geprägt. Eine Mehrheit der Bevölkerung nahm die offizielle, staatliche Propaganda mit stoischem Gleichmut und Passivität hin oder unterstützte das System gar als aktive Mittäter bzw. als Mitläufer. Nur kleine Minderheiten wehrten sich – aus ähnlichen Motiven wie die Solidarność in Polen oder die Charta77 in der ČSSR gegen den stetigen Niedergang in Politik und Wirtschaft, gegen die überall herrschende Bevormundung, gegen zunehmende Ungerechtigkeiten sowie gegen die politische Verfolgung Andersdenkender und Andershandelnder. Im Zusammenhalt und in der Solidarisierung zwischen den Aktiven in diesen Minderheiten war ein richtiges Leben im falschen, politischen System durchaus möglich, wenn auch unter schwierigen Bedingungen und oft einem hohen politischen Druck ausgesetzt.

Welche Reformbewegungen oder Gruppierungen gab es in den Jahren vor der Wende?

Wachsende Reformkräfte gab es ab Mitte der 70er Jahre, zunächst vor allem im intellektuellen Milieu (primär jüngere – wenige ältere – Schriftsteller und Dissidenten, Theater- und Liedermacher, bildende Künstler, Musiker). Nach und nach wurde der politische Druck auf diese Gruppierungen verstärkt, viele Angehörige dieser Gruppen emigrierten in den Folgejahren resigniert nach Westdeutschland. Im Gegensatz hierzu nahm – vor allem im Umfeld der evangelischen Kirche – die Bereitschaft vor allem jüngerer Leute zum offenen Bekenntnis zur innenpolitischen Kritik und zu Reformbestrebungen wie in den anderen Staaten des Warschauer Paktes zu. Es entstanden Anfang der 80er zunächst Friedenskreise, die sich unter dem Slogan „Schwerter zu Pflugscharen“ gegen die – vor allem atomare – Hochrüstung im Warschauer Pakt und in der NATO wehrten. Hinzu kamen dann nach der Tschernobyl-Atomkatastrophe die Umweltschützer-Gruppen und „Umweltbibliotheken“, sie thematisierten die wachsenden Umwelt- und Gesundheitsschäden auch in der DDR und die Menschenrechtsgruppen. Letztere beriefen sich auf grundlegende Menschenrechte wie Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit, Reisefreiheit und Ausreisefreiheit. Frauengruppen, Lesben- und Schwulengruppierungen forderten ebenfalls zunehmend Rechte ein.

Wie haben Sie diese selbst erlebt, und (wie) waren Sie selbst involviert?

Erlebt habe ich diese Reformbewegungen als hochinteressante, mein und das Leben anderer verändernde, vielgestaltige und vielfältige Gemeinschaften. Neben meiner Tätigkeit als Autor, Journalist, Lyriker und Mitgestalter künstlerischer Publikationen war ich auch in verschiedenen politischen Gruppierungen für die Veränderung und Reformierung der gesellschaftlichen Verhältnisse aktiv. Wenn wir hierbei politisch, öffentlich agierten, z.B. mit illegalen Publikationen in Zeitungen oder Verlagen Westdeutschlands (oft schrieb ich dort unter wechselnden Pseudonymen) oder mit Zusammenkünften, Erklärungen oder Flugschriften in der DDR, waren wir immer einem hohen Verfolgungsdruck ausgesetzt. Nicht wenige meiner Freund*innen wurden vorübergehend, manche auch für Jahre, inhaftiert. Auch ich stand jahrelang „mit einem Bein im Gefängnis“ und wurde mehrfach festgenommen. Die Solidarisierung mit Verhafteten war trotzdem auch ein starkes Motiv, nicht aufzugeben und unsere gemeinsamen Reformanstrengungen fortzusetzen. Leider verloren wir über die Jahre durch die naheliegende Ausreise- bzw. Emigrationsmöglichkeit nach Westdeutschland immer wieder Mitstreiter. 1987 verließ ich ebenfalls die DDR und wohnte dann in West-Berlin. Von dort aus unterstützte ich die DDR-Opposition mit Öffentlichkeitsarbeit als Journalist in westdeutschen Radio- und Fernsehsendungen und Zeitungen, mit der Einschleusung von Büchern und politischen Info-Materialien sowie technischem Equipment in die DDR.

In welcher Form hatte die Reformbewegung Einfluss auf Ihre Arbeit nach 1989, und wie beeinflusst diese Ihre Arbeit oder Engagement noch heute?

Nach dem Mauerfall bzw. der deutschen Vereinigung arbeitete ich – aufgrund meiner in den davor liegenden zwei Jahren in Westdeutschland erworbenen journalistischen Erfahrungen in der DDR-Berichterstattung – u.a. bei der neugegründeten ostdeutschen Grünen Partei in Ostberlin, dann beim aus dem Neuen Forum und anderen Oppositionsgruppen hervorgegangenen Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag, schließlich bei der DDR-Sektion von Greenpeace und danach bei zwei weiteren Umweltschutzorganisationen als Pressesprecher. Umwelt- und Klimaschutz, Energie-, Verkehrs- und Agrarpolitik standen bei diesen Tätigkeiten im Zentrum meines Engagements. Reformbedarf, das wusste ich auch schon in der DDR, gab und gibt es natürlich auch im Westen. Nichtregierungsorganisationen erfüllen in einer parlamentarischen Demokratie unersetzbare Funktionen. Sie erkennen frühzeitig Risiken und Versäumnisse der Politik und fordern gesetzliche Änderungen und Korrekturen. Presse-, Meinungs-, Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit blieben und bleiben für mich weiterhin ein hohes und unverzichtbares Gut.

Welche Zusammenhänge sehen Sie zwischen den damaligen Aufbruchsbewegungen und den heutigen?

Die Aufbruchsbewegungen in den 60er, den 70er und 80er Jahren haben die Grundlagen für die aktuellen Protestbewegungen gelegt. Presse-, Meinungs-, Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit, der stetige Ruf nach positiven Veränderungen und Fortschritten, aber auch die Solidarisierung mit den Entrechteten und Unterdrückten in anderen Weltregionen sind für entwickelte parlamentarische Gesellschaften selbstverständlich. Die Geschichte der Reformbemühungen in West und Ost ist eine Geschichte von Siegen und – teilweise auch über lange Zeiträume – von temporären Niederlagen. Unterm Strich gesehen lohnt es sich jedoch, immer wieder neue Aufbrüche zu versuchen und sich dabei von Gegnern der Modernisierung der Gesellschaften nicht von diesem Weg abbringen zu lassen.

Warum finden Sie es wichtig, auch heute noch über die DDR zu reden?

Die DDR als „abgeschlossenes Sammelgebiet“ (so nennen Numismatiker und Philatelisten einen untergegangenen Staat, der keine neuen Münzen und Briefmarken mehr herausgibt) ist ein hervorragendes Studienobjekt, wie eine vergreiste, reformunfähige und ideologisch verblendete Führungsschicht eine ursprünglich mit zum Teil durchaus positiven Motiven gestartete Gesellschaft innerhalb von 40 Jahren zugrunde richtet. Alle Bevölkerungen, alle politischen Gruppierungen und Eliten dieser Welt können aus diesem Beispiel lernen, was man in einem Staat alles falsch machen kann und auf welche Weise Regieren und Regiert-Werden kein gutes Ende finden. Und dieses Lernen ist wiederum dann doch ein gutes Ende.

The GDR as a “complete collection” (this is how numismatists and philatelists call a country that does not exist anymore and does not produce new coins or stamps) is a fascinating case study on how, within forty years, a senile, inflexible and ideologically blinded leadership managed to ruin a society that had started with good intentions. All the countries, all political groups, and elites in this world can take this as an example of how a state can do wrong and how governing and being governed have a bitter end. And how this learning process is, in turn, a good end in itself.

Rüdiger Rosenthal wurde 1952 in Boizenburg/Elbe geboren. Er machte sein Abitur und danach ein Physikstudium. 1970 begann er mit literarischer Arbeit u.a. im Studenten-Schreibclub der Hochschule „Otto von Guericke“ in Magdeburg. 1974 erfolgte der Umzug nach Ost-Berlin, wo er weitere literarische Tätigkeiten u. a. im Lyrikclub Pankow ausübte. Ab 1980 war Rosenthal freiberuflicher Autor in Ost-Berlin und Mecklenburg-Vorpommern, wo er mit politischen Akteuren, Journalisten, Herausgebern und Autoren in Ost und West (u.a. Robert Havemann, Bärbel Bohley, Gerd Poppe, Jürgen Fuchs, Roland Jahn, Lutz Rathenow, Gert Neumann) zusammenarbeitete. Seine journalistische Arbeit erschien unter Pseudonymen für westdeutsche Medien, worauf ihm Reiseverbote ins Ausland verhängt wurden. 1983/84 unternahm er mehrere Reisen entlang der Elbe zwischen Bad Schandau und Wittenberge zusammen mit dem Fotografen Harald Hauswald. Daraus entstand die Reisereportage „Die Elbe ist ein schönes Land“ und Ausstellungen in einer Reihe von Städten und Lesungen bei Konzerten der Musikgruppe „Yatra“ (Gitarrist Peter Kühnel). 1984 veröffentlichte er illegal den Gedichtband „Polnische Reise“ (mit Radierungen von Cornelia Schleime) im Westberliner Oberbaum-Verlag. 1987 emigrierte er nach West-Berlin, wo er ein Literatur-Stipendium der Stiftung Preußische Seehandlung erhielt. Er begann als Journalist u.a. für „Radio Glasnost“ beim West-Berliner Radio 100 sowie bei Tageszeitungen zu arbeiten. 1989 erhielt er den Journalistenpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung. Nach dem Ende der DDR zog er 1990 zurück nach Ost-Berlin, wo er Journalist und Sprecher von Parteien und Umweltverbänden wurde. Im gleichen Jahr erschien sein Sammelband Robert Havemann. Die Stimme des Gewissens – Texte eines deutschen Antistalinisten. 2005 veröffentlichte er mit Gerald Praschl und Bärbel Bohley das Buch Mut. Frauen in der DDR.