Gisela Kallenbach

Was waren Ihre Träume und Hoffnungen in den achtziger Jahren? Wie sahen Sie die Gesellschaft der DDR zu dieser Zeit?

Träume und Hoffnungen hatte ich eher im privaten Bereich. Gegenüber Staat und Gesellschaft fühlte ich mich eher ohnmächtig und bevormundet. Ich konnte es nicht mehr ertragen, wie unsere Lebensgrundlagen –Wasser, Luft, Boden – maßlos missachtet und zerstört wurden, obwohl der Schutz der Natur in der Verfassung festgeschrieben war. Diese wurde wie zahlreiche Gesetze ignoriert und durch Ausnahmegenehmigungen ausgehebelt. Die Berichterstattung über den Zustand der Gewässer, der Luft, der Wälder wurde zur geheimen Verschlusssache deklariert und gleichzeitig der Sieg des Sozialismus propagiert. Die Mehrheit der Bevölkerung hatte sich damit abgefunden. Das Reden mit „zwei Zungen“ wurde zur Selbstverständlichkeit, zur anerkannten Maxime. Insbesondere Kinder wurden instrumentalisiert, wenn ihnen erklärt wurde, was man zuhause und was man in der Schule sagen darf. Über allem stand ständig das „Damoklesschwert“ Staatssicherheit, deren Wirken wir sehr ernst nahmen, in ihrem eigentlichen Wirken aber dennoch unterschätzten (wie nach 1990 lesbar wurde).

Die Diskrepanz zwischen Theorie und Wirklichkeit, die Verlogenheit, die alle gesellschaftlichen Bereiche betraf, machte mich wütend. Nach einem längeren inneren Prozess begann ich endlich, mich dagegen zu wehren, weil ich persönliche Verantwortung fühlte. Schweigen ging nicht mehr, die Angst vor weiteren persönlichen Konsequenzen wurde weniger. Meine Kinder wurden nicht Mitglied in der sozialistischen Kinder- und Jugendorganisation „Pioniere“ und „Freie Deutsche Jugend“, weil die marxistisch-leninistische Erziehung meinem christlichen Weltbild widersprach.

Ich engagierte mich als Umweltaktivistin unter dem Dach der Kirche. Gestärkt durch diese Gemeinschaft begann ich einzufordern, dass der Staat die Gesetze umsetzt und die wiederum verfassungsrechtlich angeblich garantierte Religions- und Gewissensfreiheit respektiert. Wir waren bereit, die damit fast zwangsläufig verbundenen Benachteiligungen hinzunehmen.

Hoffnung hatte ich vielleicht marginal, dass Aufrichtigkeit akzeptiert wird, dass Beispiel Schule machen könnte, dass Kirche, d.h. Christ*innen, mutiger ihre Erwartungen an Staat und Gesellschaft formulieren. Diese Erfahrung machte ich bei den Ökumenischen Versammlungen für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung in den Jahren 19871989. Deren Dokumente sind im Wesentlichen bis heute brand-aktuell.

Ich durfte auch erleben, dass von den wenigen Hunderten, die sich vorwiegend unter dem Dach der Kirche in den achtziger Jahren engagierten, ein Ruf in die Gesellschaft gelang. Eine kritische Masse zwang den diktatorischen Staat im Herbst 1989 in die Knie. Dann konnte ich oft nur noch fassungslos staunen, was plötzlich möglich wurde. Und dann war sie vielleicht doch plötzlich da: die Hoffnung, der Traum von einem neuen, gemeinsamen deutschen Staat eingebunden in die Europäische Union… es wurde ein Anschluss an die Bundesrepublik Deutschland.

Welche Reformbewegungen oder Gruppierungen gab es in den Jahren vor der Wende? Wie haben Sie diese selbst erlebt, und (wie) waren Sie selbst involviert?

In Leipzig gründeten sich bereits Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre, vorrangig unter dem Dach der Evangelischen Kirche, Basisgruppen zu den Themen Gerechtigkeit (national und global), Frieden (Bausoldaten, Frauen für den Frieden etc.) und Umweltschutz. Damit forderten sie – oft indirekt über die theoretisch garantierten Rechte – eigentlich grundsätzliche Menschenrechte ein, ohne diese immer explizit zu fordern. Wichtig wurden DDR-weite Vernetzungstreffen, im Umweltbereich organisiert über das Kirchliche Forschungsheim Wittenberg oder „Frieden konkret“, bei denen sich Vertreter*innen aller Basisgruppen trafen. Deren Vereinbarungen und Dokumente durften sich der „sicheren“ Kontrolle des Staatssicherheitsdienstes gewiss sein. Zusammenarbeit gab es auch insbesondere im Bereich der Kindererziehung (Wehrkundeunterricht gegenüber Friedenserziehung). Einen wesentlichen Beitrag leistete der von einer Dresdner ökumenischen Basis-Initiative eingeleitete „Konzilliare Prozess“, die Ökumenischen Versammlungen von 19871989. Es gelang, zehntausende Menschen in Kirchen und Gruppen zur Formulierung ihrer Nöte und ihrem Ruf nach Veränderungen zu bewegen. Die Abschlussdokumente vom Frühjahr 1989 dienten für viele danach entstandene Parteien als „Blaupause“ für ihre Programme und sind bis heute nahezu brand-aktuell.

Im eher staatlich organisierten Bereich existierte die Gesellschaft für Natur- und Umweltschutz beim Kulturbund der DDR. Unter der stetigen Begleitung des Staates ging es um Baumpflanzungen (auch bei uns „Widerständler*innen“); den Zustand der Straßenbäume oder auch um bessere Bedingungen für das Radfahren. Ende der 80er Jahre existierte auch eine Umweltgruppe an der Universität Leipzig. Wir wussten voneinander, nahmen auch Kontakt auf, eine wirkliche Vereinigung war aber erst Ende November 1989 möglich, als der bis heute existierende Umweltverband „Ökolöwe“ in Leipzig gegründet wurde. Nach 1990 wurde bekannt, dass es auch „Haus- und Freundeskreise“ oder Gruppierungen unter Künstler*innen, ja selbst reformerisch orientierte SED-Zirkel gegeben hat. Diese kenne ich aber nicht aus eigenem Erleben. Zweifelsohne hat auch das immer mehr zunehmende Begehren der Ausreise/Übersiedlung aus der DDR in die BRD einen wichtigen Beitrag zu den Systemveränderungen geleistet.

In welcher Form hatte die Reformbewegung Einfluss auf Ihre Arbeit nach 1989, und wie beeinflusst diese Ihre Arbeit oder Engagement noch heute?

Mein oben beschriebenes Engagement hatte wesentlichen Einfluss auf mein Leben nach 1989, dann begann sozusagen „Teil 2“. Bereits im Dezember 1989 wurde ich Mitglied im Bürgerkomitee, Bereich Ökologie, im Mai 1990 dann in den Leipziger Stadtrat gewählt. Jetzt konnten wir mitgestalten! Ab September 1990 konnte ich als Referentin das neu zu gründende Umweltdezernat mit aufbauen. Das war eine Zeit des Aufbruchs, des unbändigen Gestaltungswillens und der täglich zu erreichenden neuen Entscheidungen. Natürlich hatten wir die nach freien demokratischen Wahlen entstandenen Mehrheiten zu respektieren und so blieb mancher Traum oder die Hoffnung auf eine umweltgerechte moderne Stadtentwicklung auch auf der Strecke. Das hat sich nur marginal geändert. Ich fühle mich als Mitglied von Bündnis90/Die Grünen auch heute als Minderheit in einer Welt, die radikale Veränderungen nötig hat. Unsere Welt ist nach 1989 aus globaler Perspektive weder friedlicher noch gerechter geworden, noch schützen wir ausreichend unsere natürlichen Lebensgrundlagen. Deshalb bin ich noch immer in zahlreichen zivilgesellschaftlichen Initiativen engagiert, weil es heute tatsächlich eine kleine Hoffnung auf Veränderungen gibt (alle future-Bewegungen etc.). Gleichzeitig bin ich sehr froh, dass ich nunmehr fast 30 Jahre in einem freiheitlichen, demokratischen Rechtsstaat lebe. Mein Engagement ist auch heute vonnöten und ohne jegliche Kriminalisierung möglich. Das ist schon ein Wert an sich.

Welche Zusammenhänge sehen Sie zwischen den damaligen Aufbruchsbewegungen und den heutigen?

Erste Kommunalwahl 1990, © Gisela Kallenbach

Für wirkliche Veränderungen in einer Gesellschaft braucht es ausreichenden Leidensdruck und eine kritische Masse. Es waren (und sind) immer kleine Gruppen, die gesellschaftliche Veränderungen anstoßen. Die Mehrheit der Menschen waren auch 1989 nicht auf der Straße, und sie bilden auch heute (leider) die schweigende Mehrheit. Aufbruch/Veränderungen, zumal solch gravierende, die die Menschen der DDR nach 1989 erlebten, bringen zwangsläufig „Ent-Täuschungen“ mit sich (wenn man sich getäuscht hatte). Über einige Jahrzehnte hat die Mehrheit der Menschen in Ost und West eher ertragen, dass sich die Welt infolge des Wegfalls des Wettbewerbs zwischen den beiden Systemen total geändert hat. Kapital, Dienstleistungen, Waren und Menschen (die eher marginal und behindert) konnten politisch fast nicht reguliert, ungehindert global agieren. Ergebnis sind Maximalgewinne für wenige und Verluste für viele. Stellvertreter-Kriege, massive Ungerechtigkeit und die Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen nehmen zu. Diese Erkenntnis erreicht zunehmend die junge Generation. Teile von ihnen sind nicht mehr gewillt, dieses hinzunehmen, weil ihre Zukunft bedroht ist.

1989 ging es in der DDR und im gesamten Ostblock – ohne Solidarność in Polen, Charta 77 in der Tschechoslowakei, der Reformbewegung in Ungarn und vor allem ohne Gorbatschow in der Sowjetunion hätte es die Friedliche Revolution der DDR nicht gegeben – um grundsätzliche Menschen- und Freiheitsrechte, um die Überwindung von Diktaturen, aber vor allem auch um den materiellen Wohlstand. Heute geht es um die Abwendung der Diktatur des Kapitals, des ungehinderten Agierens einer neoliberalen Wirtschaft, weil sich immer mehr Menschen als direkte Verlierer*innen oder als potentielle Verlierer*innen sehen. Dennoch wählt die Mehrheit der Bevölkerung – bewusst oder unbewusst – mit geheimen, demokratischen Wahlen ausgerechnet die Vertreter*innen, die das ausbeuterische System am Leben halten. Ob die junge Generation es schaffen wird, wie 1989 eine systemverändernde Entwicklung mit ausreichend kritischer Masse zu erreichen, wird sich erst noch zeigen müssen.

Auf einem ganz anderen Blatt steht die „Aufbruchsbewegung“ der AfD- Wähler*innen, die leider zu viele Menschen erreicht. Aber das wäre ein zusätzliches Thema.

Warum finden Sie es wichtig, auch heute noch über die DDR zu reden/diskutieren?

40 lange Jahre hinterlassen Spuren, die auch an nächste Generationen weitergegeben werden. Spuren können sich eingraben, man kann sie auch verwischen und neue Wege gehen. Die neuen Wege für die ostdeutsche Bevölkerung waren gravierend, wenn auch von der Mehrheit in freien, demokratischen Wahlen selbst entschieden. Der rasante, von der Mehrheit gewollte Vereinigungsprozess bzw. der Anschluss der DDR an das Gebiet der BRD war mit oft unvorhergesehenen und ungewollten Umbrüchen verbunden. Das hat sehr viele Menschen überfordert; andere erfuhren es als einen Aufbruch in ein „zweites Leben“ voller Chancen und Möglichkeiten. Momentan – 30 Jahre nach der Friedlichen Revolution – erleben wir ein gespaltenes Land, aufgestauter Frust verbalisiert sich in der Suche nach „den Schuldigen“, auch im Ruf nach dem „starken Staat“, der alles richtet. Vielfach vergessen bleibt die Suche nach der eigenen Verantwortung, nach der Beteiligung. Dafür blieb wenig Zeit – und es fehlt auch der Wille.

Die Älteren werden sich berufen auf die Erfahrungen der gewaltsamen militärischen Interventionen bei jedem Versuch, sich Freiheit zu erobern – 1953 in der DDR, 1956 in Ungarn, 1968 in der Tschechoslowakei; die Jüngeren auf die erlebten Benachteiligungen beim Bildungsweg, wenn man Anpassung an die verordneten „Grundwerte“ der marxistisch-leninistischen Diktatur verweigerte. Aus persönlicher Sicht durchaus verständlich. Dennoch: für unsere gemeinsame Zukunft hilft weder ein nostalgischer Rückblick in die DDR nach dem Motto: „es war ja nicht alles schlecht“, noch ein Schönreden der durch den Anschluss an die BRD erreichten gewaltigen Veränderungen bis zumeist besserem materiellen Wohlstand. Ja, unsere ostdeutschen Städte sind weitgehend saniert; die Infrastruktur oft beispielgebend für das gesamte Land; wir genießen die Freiheiten eines demokratischen Rechtsstaates und erleben gleichzeitig die Auswirkungen einer politisch ungenügend regulierten Globalisierung mit neuen Ungerechtigkeiten und Verlusten. Unsere ländlichen Räume sind verlassen, junge Menschen mit Perspektive sind auch nach 1990 nach Westdeutschland gezogen; die Geburten der Kinder haben sich nach 1990 halbiert mit gravierenden Folgen für die demografische Entwicklung.

Auch im Westen unseres Landes haben sich durch den Wegfall des Eisernen Vorhangs nach und nach, insbesondere durch die beschriebenen Folgen der Globalisierung, Veränderungen ergeben. Auch im Westen werden Rufe nach Veränderungen laut. Die bisherige Entwicklung im Osten scheint ein Seismograph für unser gesamtes Land zu werden/zu sein.

Auch im Westen suchen Menschen nach „den Schuldigen“. Ist es der „Ossi“ für die „Wessis“; der „Wessi“ für die „Ossis“ oder doch der geflüchtete Migrant, der unseren geteilten Wohlstand bedroht? Ich wünsche mir viele Gespräche – erzählen wir uns unsere Biografien aus Ost und West und unterschätzen wir nicht, welche Auswirkungen die immer noch nicht wirklich bewältigte gemeinsame Vergangenheit des 20. Jahrhunderts auf jedes einzelne Leben hat. Müssen wir wirklich darauf warten, dass die Enkel*innen die Großeltern befragen – wie nach der Naziherrschaft – oder haben wir es noch selbst in der Hand, in Ost und West? Eine herausfordernde Aufgabe für die zweite und dritte Generation.

Forty years of the GDR left traces that are also passed onto the next generations. Traces can entrench themselves, we can also blur them and break new ground. Those new explorations were important for East German citizens, even if they were decided by the majority in free and democratic elections. The rapid unification process—demanded by the majority—or rather the annexation of the GDR to the FRG was often connected with unforeseen and unwanted upheavals. This overwhelmed many people; others experienced it as a start into a “second life” full of chances and possibilities. Currently—30 years after the peaceful revolution—we experience a divided country; pent-up frustration gets verbalized in the search for a “culprit” and in the call for a “strong state” to solve it all. The search for one’s own responsibility and participation often remains forgotten. There’s little time left for that, and the willingness is also missing.

The older generations will refer to the experiences of the violent military interventions at every attempt to reclaim freedom—1953 in the GDR, 1956 in Hungary, and 1968 in Czechoslovakia. The younger generations will refer to the educational disadvantages they experienced if they refused to obey the prescribed “fundamental values” of the Marxist-Leninist dictatorship. It’s understandable from a personal point of view. Still: for a common future, neither a nostalgic view of the past with the slogan “it wasn’t all bad” is helpful, nor a whitewashing of the annexation to the FRG, which led to major changes of mostly better material prosperity. Yes, our East German cities have mostly been renovated; the infrastructure is often exemplary for the rest of the country; we enjoy the freedoms of a democratic constitutional state and simultaneously experience the impacts of a globalization that is politically not regulated enough with new injustices and losses. Our rural areas lie abandoned; young people with perspectives kept leaving for West Germany even after 1990; the birthrate dropped by half after 1990 with serious consequences for the demographic development.

Because of the slow elimination of the Iron Curtain, the Western part of our country has also undergone changes little by little, especially by the described effects of globalization. Calls for change are also getting louder in the West. The current development in the East seems to be/become a seismograph for the entire country.

People in the West are also looking for the “culprit.” Is it the “Ossi” for the “Wessis,” the “Wessi” for the “Ossis,” or the refugee who threatens our shared wealth? I would like more conversations—let’s share our biographies from East and West without underestimating the effects of a shared twentieth-century past that still affects each individual. Do we really have to wait for the grandchildren to ask their grandparents—like after the Nazi regime—or is it in our hands, in East and West? It’s a challenging task for the second and third generation.

Gisela Kallenbach ist Dipl.-Ingenieurin (Chemie) und arbeitete bis 1990 in der Forschung der Wasserwirtschaft. Seit den frühen 1980er Jahren engagierte sie sich als Umweltaktivistin und Bürgerrechtlerin unter dem Dach der Kirche. 1990 wurde sie in den Leipziger Stadtrat gewählt. Von Ende 1990 bis 2000 war sie persönliche Referentin im Dezernat für Umweltschutz der Stadt, von 2000 bis 2003 Internationale Bürgermeisterin für die UN im Kosovo, von 2004 bis 2009 Mitglied im Europäischen Parlament in der Fraktion der Grünen und von 2009 bis 2014 Mitglied im Sächsischen Landtag. Sie ist Gründungs- und Vorstandsmitglied zahlreicher Vereine im Umweltschutz, der Zivilgesellschaft und des bürgerschaftlichen Engagements; zudem Mitglied in Beiräten, Kuratorien und Stiftungen. 2001 wurde sie für ihr jahrelanges zivilgesellschaftliches Engagement mit dem Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.