Alexander Schulz

Was waren Ihre Träume und Hoffnungen in den achtziger Jahren? Wie sahen Sie die Gesellschaft der DDR zu dieser Zeit?

Im Sommer 1989 habe ich Abitur gemacht. Es stand also, ganz unabhängig von den politischen Entwicklungen, eine Lebensentscheidung für mich an. Eine freie Entscheidung zu fällen, war mir allerdings nicht möglich. In der DDR war nicht nur die Wirtschaft durchgeplant, auch der Bedarf an Akademikern in den unterschiedlichen Fächern unterlag staatlicher Planung. Ich erinnere mich, dass wir im letzten Schuljahr regelmäßig unsere Studienwünsche in eine Liste eintragen mussten. Eine Zeitlang konnte ich keinen Studienwunsch formulieren und ließ das Feld in der Liste frei. Das wurde einmal, vielleicht zweimal akzeptiert. Dann aber wurde ich zum Gespräch beim stellvertretenden Schuldirektor gebeten, der für die „Studienlenkung“ zuständig war. Er schlug mir vor, Verfahrenstechnik zu studieren – offenbar wurden Verfahrenstechniker gerade gebraucht. Ich hatte keine Vorstellung, was das sein könnte, dass es nicht zu mir passt, war mir aber klar. „Dann Medizin!“, stellte mein Gesprächspartner abschließend fest. Es verging eine Weile, dann gab es ein weiteres Gespräch. Inzwischen hatte sich der stellvertretende Direktor offenbar besser mit meinem Hintergrund beschäftigt. Mir wurde mitgeteilt, dass es für mich als Sohn eines protestantischen Pfarrers, nicht Mitglied in der staatlichen Jugendorganisation FDJ und ohne „Jugendweihe“, nur ein mögliches Studienfach geben würde, nämlich Theologie. Für alle anderen Fächer würde ich keine Zulassung erhalten. Meine nächsten Jahre waren damit vorgezeichnet: Abitur im Sommer 1989, Wehrdienst ab Herbst, Studienbeginn 1991 …

Im Frühjahr und Sommer 1989 wurde dann deutlich, dass die DDR und die anderen kommunistischen Regime moralisch am Ende waren, ohne dass wir ahnen konnten, wie schnell Alles gehen sollte: die Proteste in China und das Massaker auf  dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking, die Kommunalwahlen in der DDR im Mai und die durch unabhängige Beobachter bewiesene Fälschung der Wahlergebnisse, die Flucht von vielen Menschen über die Botschaften der Bundesrepublik Deutschland in Prag und Budapest.

Die Anspannung und die Ängste wuchsen in dieser Zeit. Die politische Führung des Landes stand sichtbar unter Druck. Die Befürchtung war, dass es zu Gewalt und Verhaftungen kommen würde.

Was die Träume meiner Eltern zu dieser Zeit waren, weiß ich nicht. Ich befürchte, sie hatten wenige Träume, dafür aber vielmehr Sorgen: was aus ihren beiden Söhnen einmal werden würde, ob sie einen Platz finden in dieser DDR oder nicht doch eines Tages verzweifelt versuchen würden, unter Lebensgefahr über die Mauer zu klettern. Der Platz für Träume und Hoffnungen war in dieser Situation eng. Neidisch habe ich im „Westfernsehen“ die Berichterstattungen über Landtags- und Bundestagswahlen verfolgt. Auch die Übertragung von Debatten im Bundestag hat mich immer fasziniert. Diese Form des Umgangs, der freien Rede und des kultivierten Streits, wirklich eine Wahl zu haben – vielleicht habe ich nicht davon geträumt, wahrscheinlich habe ich es nicht zu hoffen gewagt, auf jeden Fall war das meine Vorstellung von Gesellschaft.

Einige ganz konkrete Träume hatte ich doch – ich wollte reisen, die Welt sehen. Ganz oben auf meiner Wunschliste: New York, die Pyramiden, der Pazifik, die Wüste. Meinen Freunden ging es ähnlich wie mir. Es gab bei vielen eine große Entfremdung zum eigenen Land. Wir benutzten für die DDR ganz bewusst unerwünschte oder verbotene Begriffe wie „Ostzone“ oder „Zone“, um auszudrücken, dass wir dieses Land bzw. seine politische Ordnung nicht anerkannten. Rückblickend lässt sich all das als Ausdruck einer Endzeitstimmung interpretieren. Wenn man bedenkt, wie unerwartet und überraschend der schnelle Zusammenbruch der DDR im Oktober und November 1989 vor sich ging, kann man aber vielleicht auch erahnen, wie bedrückt alle waren. Gleichzeitig mischen sich Partys und das Gefühl einer persönlichen Freiheit in die Erinnerung – ich war schließlich 18, 19 Jahre alt.

Welche Reformbewegungen oder Gruppierungen gab es in den Jahren vor der Wende, von denen Sie gehört haben?

Ich wohnte von 1987 bis 1989 bei einem Pfarrer-Ehepaar in Potsdam-Babelsberg, die beide sehr in der Umwelt- und Friedens- und Menschenrechtsbewegung engagiert waren. Von ihnen wusste ich von den Plänen, eine unabhängige Organisation, das „Neue Forum“, zu gründen. Regelmäßig las ich die „Umweltblätter“ der Berliner „Umweltbibliothek“, die in den Räumen der Zionskirche in Berlin-Mitte die Umweltzerstörung in der DDR dokumentierten. Die illegalen „Umweltblätter“ gingen heimlich von Hand zu Hand, sie waren eine wichtige Quelle für unabhängige Informationen zu Umweltthemen, berichteten aber auch zu anderen Themen, die in den offiziellen Medien nicht vorkamen (Wehrdienstverweigerung, Hausbesetzungen, oppositionelle Gruppen, Ausreiseanträge…).

Eine wichtige Gruppe in Potsdam war der Lateinamerika-Arbeitskreis „Tierra Unida“, der sich in Räumen der Potsdamer Erlöserkirchengemeinde traf. Allein schon durch ihr Thema war diese Gruppe ungewöhnlich in der DDR.

Wie haben Sie diese selbst erlebt, und (wie) waren Sie selbst involviert?

Ich selbst war in keiner dieser Gruppen regelmäßig und dauerhaft aktiv, kannte aber hier und da Leute, die dabei waren und nahm wahr, was so los war. Kontakt hatte ich zur Antifa-Gruppe in Potsdam. So erfuhr ich von einer Aktion, die am 10. September 1989 anlässlich der offiziellen „Kundgebung für die Opfer des Faschismus“ geplant war. Wir wollten mit selbst gestalteten Transparenten vor Neonazis in der DDR warnen. Gleich zu Beginn der Kundgebung sahen wir uns von jungen Männern umringt, offensichtlich Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes. Ob sie wussten, was geplant war, weiß ich nicht. Unsere Gruppe war aber auffällig. Zur Antifa gehörten viele Punks, die schon per se als verdächtig galten. Als wir versuchten, die Transparente zu entrollen, stürzten sich die Stasi-Leute auf uns und führten uns vom Platz. Wir wurden festgenommen und zur Potsdamer Polizeistation gebracht. Es folgten Verhöre und Einschüchterungsversuche. Mir wurde eine Haftstrafe von fünf Jahren angekündigt! Nach etwa zwölf Stunden wurden die meisten von uns entlassen, ein oder zwei aus der Gruppe blieben aber für die folgenden Wochen inhaftiert. Ich weiß, dass an den Potsdamer Schulen in den folgenden Tagen über die Aktion gesprochen wurde. Angeblich seien wir „vom Westen“ bezahlte Provokateure gewesen. In einer anderen Variante der Verunglimpfung wurde behauptet, wir hätten Ausreiseanträge gestellt und wollten unsere Ausreise beschleunigen.

In welcher Form hatte die Reformbewegung Einfluss auf Ihre Arbeit nach 1989, und wie beeinflusst diese Ihre Arbeit oder Engagement noch heute?

Die friedliche Revolution in der DDR hat mein Leben verändert. Für mich ganz persönlich hätte die Revolution zu keinem biografisch besser passenden Zeitpunkt kommen können. Mir standen nun alle Möglichkeiten offen, jedes Studium, jedes Reiseziel, jede Form, mich politisch oder gesellschaftlich zu engagieren. Mein Leben wäre ohne Mauerfall und Wiedervereinigung vollständig anders verlaufen.

Welche Zusammenhänge sehen Sie zwischen den damaligen Aufbruchsbewegungen und den heutigen?

Die friedlichen Bewegungen, die zum Ende der osteuropäischen Regime geführt haben, haben gezeigt, dass Menschen etwas bewegen und scheinbar für die Ewigkeit gemachte Systeme über Nacht zum Einsturz bringen können. Das heißt auch, dass die Freiheit, die damals errungen wurde, nicht für immer sicher ist. Im Gegenteil – der Erfolg der Rechtspopulisten in Polen, Ungarn, leider auch Deutschland und anderen Ländern zeigt, wie gefährdet sie ist. Dagegen ist Fridays for Future für mich ein großes Hoffnungszeichen, gerade auch, weil diese Bewegung von jungen Menschen getragen wird, die einen langen Atem haben.

Warum finden Sie es wichtig, auch heute noch über die DDR zu reden?

Die DDR wird nachträglich verklärt. Je mehr Zeit vergeht, desto positiver reden viele Menschen über die DDR. Ich halte das für problematisch. Die DDR war einfach zu verstehen, es gab vorformulierte Antworten auf alle Fragen, es gab nur ein Schulsystem, es gab für den Einzelnen nur wenig zu entscheiden. Auch die Welt insgesamt war damals einfacher zu verstehen, als sie es heute ist. Es gab Ost und West, die sich gegenüberstanden. Richtig und falsch, gut und böse waren leicht zu unterscheiden.

Die Welt heute ist komplex, einfache Antworten gibt es nicht mehr. Viele Menschen scheinen davon überfordert, sehnen sich nach den einfachen Zeiten zurück. Der weltweite Erfolg der Populisten mit ihren scheinbar einfachen Antworten ist dafür ein Beleg.

Nicht aufhören über die DDR zu reden heißt, sich zu erinnern, wie wertvoll und großartig Demokratie und Freiheit sind, die mit ihrer Überwindung gewonnen wurden.

The GDR past is being romanticized. As time passes, people tend to talk more positively about the GDR. This is problematic. The GDR was easy to understand. There were pre-formulated answers to all questions. There was only one school system, and the individual did not have to make many decisions. The world, in general, was easier to understand than it is today. East and West faced each other—right and wrong, good and bad could easily be separated from each other. Nowadays, the world is more complex. There are no easy answers anymore. Many people seem overwhelmed with it and long for the old days. The worldwide success of populism and seemingly easy answers is evidence of this tendency. We need to keep talking about the GDR, we need to remember this time because it makes us aware of how precious and wonderful democracy and freedom are, which have been gained by overcoming it [the GDR system].

Alexander Schulz wurde 1970 geboren. Er verbrachte seine Kindheit in der Prignitz und zog 1982 nach Potsdam. Dort machte er 1989 Abitur. Von 1990 bis 1992 absolvierte er einen Friedensdienst bei der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste im Bonhoeffer-Haus in Berlin. 1991 begann er ein Literatur- und Geschichtsstudium an der TU Berlin, welches er 1998 mit dem Magister artium abschloss. Von 1999 bis 2000 machte er ein Volontariat bei einer Fernsehproduktion. Danach arbeitete er von 2000 bis 2009 als Fernsehredakteur. Seit 2009 ist er Leiter der Unternehmenskommunikation bei einem großen Träger sozialer Dienste. Alexander Schulz ist verheiratet und hat zwei Kinder. Nach vielen Jahren in Berlin lebt er inzwischen mit seiner Familie wieder in Potsdam.